Die Burg, diese Stadt in der Stadt, unterstand nicht den Gesetzen, die im übrigen Prag galten. Deshalb strömten verschiedene Handwerker, aber auch Scharlatane hierher und siedelten sich an den Mauern an. Besonders unter Kaiser Rudolf II., dem neuen Hermes Trismegistos, kamen zahlreiche Alchemisten, aber auch allerlei Betrüger. Ihre Zuflucht war das Gebiet unter der Burg. Obwohl behauptet wird, Alchemisten hätten niemals im weltberühmten Goldenen Gässchen gelebt, verlieh ihm die allmächtige Fantasie in dieser Hinsicht außerordentliche Bedeutung. In den an die Mauern gelehnten Häuschen sollen vor allem Goldschläger gewohnt haben, von denen die Gasse ihren ursprünglichen Namen Goldschmiedegasse erhielt. Der Sage nach überwachte Rudolf II. hier die Alchemisten streng. Jeder bewohnte eines der winzigen Häuschen. War es von innen verschlossen, galt dies als Zeichen, dass er sich mit Transmutationen beschäftigte. Tag und Nacht ging ein Söldner mit einer Hellebarde die Gasse auf und ab. Eines Tages sollen einige Alchemisten rebelliert und verlangt haben, im Hirschgraben frische Luft schöpfen zu dürfen. Der Graben war jedoch den adeligen Gästen des Kaisers vorbehalten, und es war undenkbar, dass sich grobe Destillierer unter so vornehme Gesellschaft mischten. Der Kaiser lehnte die Bitte ab. Aus Protest schnitten sich die Alchemisten die Haare ab, zerschlugen Gefäße, Öfen und Blasebälge und warfen alles in den Hirschgraben auf die Köpfe der vornehmen Jäger. Sie traten in Streik und erklärten, dem Kaiserhof künftig kein einziges Körnchen Gold mehr zu liefern. Darauf reagierte Rudolf II. angeblich auf seine Weise: Er ließ sie in den Hirschgraben führen, in eiserne, an Bäumen aufgehängte Käfige sperren und elend an Hunger und Durst sterben. Das war eine Warnung und Erinnerung an die heilige Aufgabe des Alchemisten, sein Großes Werk während der Reifung nicht zu verlassen. Gustav Meyrink schreibt in seinem Roman Der Engel vom westlichen Fenster sogar ausdrücklich, die Bären im Hirschgraben hätten „vom Fleisch der Eingeweihten gelebt“. Es gibt außerdem zwei Geschichten aus der Prager Sage von Alchemisten, die sich Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts im Goldenen Gässchen niederließen und dort experimentierten. Sie sollen sogar Gold hergestellt haben, starben dann aber tragisch. Der eine war ein südböhmischer Baron, der andere, ein gewisser Uhle, ursprünglich Philosophieprofessor. Auch ein Haus Zur letzten Laterne soll im Goldenen Gässchen an der Mauer stehen, jedoch nur in bestimmten Nächten sichtbar sein. Nach alter Überlieferung liegt darin der Grundstein des unsichtbaren Prag, die „Schwelle“ zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Diese Sphäre der unsichtbaren Stadt schuf derselben Überlieferung nach der esoterische Orden der Asiatischen Brüder, der Sad-bays. Im Häuschen Nr. 22 wohnte 1916 Franz Kafka. Stanisław Przybyszewski gelang dies trotz großer Bemühungen nie. In Nr. 4 lebte vor dem Zweiten Weltkrieg die berühmte Wahrsagerin Madame de Thèbes. Nachgewiesen ist, dass sich die höfischen alchemistischen Laboratorien im Mihulka-Turm befanden, wo heute ein bescheidener Rest der einst reichen Sammlung Rudolfs II. und die Rekonstruktion eines alchemistischen Labors untergebracht sind. Das rudolfinische Prag beherbergte vielleicht alle bedeutenden Alchemisten seiner Zeit, allenfalls mit Ausnahme des schottischen Adepten Sethon. Darunter waren viele Betrüger, die von der kaiserlichen Gunst profitieren wollten. Deshalb beauftragte der Kaiser den Prager Gelehrten Tadeáš Hájek von Hájek als Prüfer, um ihr Vordringen bis an den Hof zu verhindern. Welche Anziehungskraft muss das damalige Prag ausgestrahlt haben, wenn es so unterschiedliche Persönlichkeiten wie John Dee (siehe Třeboň), Edward Kelley (siehe Jílové u Prahy), Michael Sendivogius (siehe Kravaře), Tycho Brahe (siehe Benátky nad Jizerou) und Johannes Kepler (siehe Jičín) anzog! Der Philosoph Giordano Bruno, später in Rom wegen seiner astronomischen Ansichten verbrannt, besuchte Rudolf II. in Prag und veröffentlichte hier 1585 ein Buch über die Lehre des spanischen mittelalterlichen Mystikers und Alchemisten Ramon Llull. Auch der berühmte französische Alchemist Denis Zachaire aus Toulouse und sein Landsmann Nicolas Barnaud hielten sich einige Zeit hier auf. Der Chemiker und Paracelsist Oswald Crollius, bekannt durch sein Buch über Edelsteine, besuchte Prag mehrmals. Ihm werden allerdings politische Spionageabsichten zugeschrieben. Zwei angesehene Alchemisten waren Leibärzte des Kaisers: Michel Mayer, der weitreichende Beziehungen zur Bruderschaft des Rosenkreuzes unterhielt und selbst ihr geheimes Mitglied war, verfasste das grundlegende Werk Atalanta fugiens, Die fliehende Atalanta, von 1618. Der andere, Martin Ruland, beschäftigte sich eingehend mit den Schriften des Paracelsus und veröffentlichte 1612 sein Alchemistisches Lexikon. Die Gruppe der Alchemisten auf der Burg, ob im Dienst des Kaisers, der Rosenberger oder Václav Vřesovecs, wurde damals „Prager alchemistische Akademie“ genannt. Der Hofdichter Mardocheus de Delle, ein Italiener aus Vitri bei Mailand, schrieb hier sein Fegefeuer, in dem er die Schicksale einzelner Alchemisten am Kaiserhof beschreibt. Als weitere Meister und Gehilfen der Transmutationskunst auf der Burg werden Claudius Syrrus, der Mathematiker Bartoloměj Reisacher, Fridrich Holzschuher aus Nürnberg, Bohumil Hanuš, Ambrož Zigler, Jakub Strautz, Pavel Fabricius, Remus Cysatus, Vilém Rechberger und andere erwähnt. Auch Bergbeamte, die schon durch ihr Amt mit Edelmetallen zu tun hatten, widmeten sich der hermetischen Wissenschaft. Bereits Lazar Ercker, berühmt durch sein Buch über das Probierwesen (siehe Kutná Hora), experimentierte ebenso wie Petr Hlavsa von Liboslav, der unter Ferdinand I. seines Amtes als Bergmünzmeister enthoben wurde, weil er sich übermäßig der Alchemie hingab. Ebenso Šebestián Essen, der im Weißen Turm der Prager Burg starb (siehe Kutná Hora). Rudolf II. berief Sebald Schwertzer, zuvor Berghauptmann in Jáchymov. Später gewann er in Prag die Gunst des Kaisers und blieb bis zu seinem Tod 1601 am Hof. Er schrieb mehrere alchemistische Abhandlungen, von denen einige im Nationalmuseum liegen. Einer der bedeutendsten tschechischen Alchemisten dieser Zeit war Šimon Tadeáš Budek, vom Kaiser zum Untersucher aller ernannt, die nach Böhmen kamen, um Edelsteine und Metalle zu suchen. Er verfasste eine umfangreiche, teilweise in Geheimschrift geschriebene alchemistische Abhandlung. Das Manuskript befindet sich heute in Wien (siehe Rovensko pod Troskami). Im Dienst der Rosenberger arbeiteten in ihrem Hradschiner Palais Bavor der Jüngere Rodovský von Hustiřany (siehe Budyně nad Ohří) und Václav Lavin, im französischen Druck seines berühmtesten Buches Irdischer Himmel Vinceslas Lavinius de Moravie genannt, der Leibarzt Viléms von Rosenberg (siehe Český Krumlov). In Rudolfs letzten Lebensjahren war Jakub Hořčický, Sinapius, von Tepenec in dessen alchemistischem Labor beschäftigt. Er suchte den Lebenselixier. Nach einer erfolgreichen Behandlung des Kaisers wurde er 1608 geadelt. Aus verschiedenen Heilpflanzen destillierte er sogenannte sinapische Wässer, die unter diesem Namen noch lange nach seinem Tod in böhmischen Apotheken verkauft wurden. Er war ein eifriger Anhänger der Jesuiten, denen er ein beträchtliches Vermögen vermachte.
Lage und Karte
- Ort
- Praha
- Gemeinde / Ausgangspunkt
- Praha
- Bezirk / Region
- In den Quellen nicht angegeben
- Land
- In den Quellen nicht bestimmt
- Lage in den Quellen
- In den Quellen nicht näher angegeben.
Die Burg, diese Stadt in der Stadt, unterstand nicht den Gesetzen, die im übrigen Prag galten. Deshalb strömten verschiedene Handwerker, aber auch Scharlatane hierher und siedelten sich an den Mauern an. Besonders unter Kaiser Rudolf II., dem neuen Hermes Trismegistos, kamen zahlreiche Alchemisten, aber auch allerlei Betrüger. Ihre Zuflucht war das Gebiet…
Der Link sucht nach Praha und Umgebung. Der genaue Schauplatz dieser Sage ist in den Quellen nicht belegt.
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Quellen des ursprünglichen Atlas Tajemná místa · Seite 270
Diese Sage bewahrt eine volkstümliche Erzählung. Ihre Motive sind kein Beleg für übernatürliche Ereignisse.